Talentmanagement auf dem Ausbildungsmarkt

Nach einer aktuellen Umfrage des Hamburger Marktforschungsinstituts Psephos finden 59 Prozent aller Unternehmen derzeit keine geeigneten Bewerber. Besonders gesucht sind natürlich die Absolventen der sogenannten MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), aber auch die operativen technischen Führungskräfte, Meister und Techniker, werden in einigen Berufsgruppen und Regionen knapp.
Das personalwirtschaftliche Konzept des Talent Managements ist seit fast zehn Jahren die Antwort auf den bereits erlebten und prognostizierten Mangel an Nachwuchskräften. Kritisch ist anzumerken, dass die Unternehmen bislang nicht gut daran sind, Talente exakt zu identifizieren. Es fehlt nicht an geeigneten Messinstrumenten wie Persönlichkeits- und Intelligenzfragebögen, aber an der Bereitschaft diese Instrumente einzusetzen; daneben ist ein qualitätsgesicherter Einsatz von Assessment Centern selten. Insbesondere bei persönlichen und aktivitätsorientierten Kompetenzen sind die Diagnoseinstrumente unterentwickelt.

Daneben hat sich das Talent Management bislang zu stark auf den Bereich der „Top Talents" konzentriert. Damit werden die leistungsstärksten Mitglieder, etwa zwei bis fünf Prozent, eines Jahrgangs bezeichnet. Merkmale dieser Gruppe sind ein überdurchschnittlicher Abschluss in einem technischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Studiengang, Auslandserfahrung und mehrere Praktika. Die Mehrheit der Schulabgänger jedoch startet immer noch nicht mit einem Studium, sondern mit einer Berufsausbildung in das Berufsleben. Auf dem Ausbildungsmarkt finden wir auf der einen Seite einen Überhang von 80.000 bis 120.000 unversorgten Jugendlichen, auf der anderen Seite die Klage viele Unternehmen über die fehlende Qualität und teilweise Ausbildungsunfähigkeit vieler Bewerber.

Die Ursachen dafür sind vielfältig und vorrangig nicht im schulischen Bildungssystem zu suchen. Es gibt viele Hinweise, dass zunehmend Jungen und nicht mehr wie noch in den 70ern und 80er Jahren Mädchen die Problemgruppe in Schule und Ausbildung darstellen. So ist der Bielefelder Sozialwissenschaftler und Jugendforscher Klaus Hurrelmann „über die Dynamik besorgt, mit der das einstig starke Geschlecht an der Schule zurückfällt".

Die Zukunft der Arbeitswelt scheint „weiblich" zu werden. Allgemein als „feminin" bewertete Kompetenzen wie Beziehungsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Kommunikations- und Präsentationsstärke scheinen in Unternehmen in Zukunft wichtiger zu werden als die typischerweise als „maskulin" erachteten Qualifikationen wie Durchsetzungsfähigkeit oder Konfliktstärke. Auch wenn berufserfahrene Männer tendenziell noch in den meisten der „mächtigen" Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung dominieren und im Vergleich zu ihren weiblichen Konkurrenten durchschnittlich noch immer besser bezahlt werden, verdecken diese „Privilegien", dass ein großer Teil der jungen Männer mit Rollenirritationen und Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert werden.